Kai Blum

Man erntet, was man sät

Zweiter Teil des Auswanderer-Krimis - E-Book inklusive, 01/2014, 1. Auflage, 176 Seiten, Paperback, € 7,95 • € 8,20 • sFr. 11.90*

ISBN 978-3-943176-61-2

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Reinlesen – lesen Sie die ersten Seiten von Man erntet, was man sät


Erntezeit

6. September 1883

Friedrich Kumlien begriff erst einige Sekunden nach dem Vorbeifahren, was sein Blick da soeben gestreift hatte. Er brachte die Pferde zum Stehen, stieg vom Kutschbock und näherte sich vorsichtig dem blutüberströmten Mann, der neben einem Einspänner am Wegesrand lag, auf dem Rücken, Arme und Beine von sich gestreckt. Der kahle Kopf des schwergewichtigen Mannes fiel etwas zur Seite. Friedrich Kumlien erkannte den Toten nicht gleich. Er war furchtbar entstellt, offenbar hatte man ihm mitten ins Gesicht geschossen.

»Um Gottes willen«, murmelte der alte Bauer, als ihm schließlich klar wurde, wer da vor ihm lag. Er schaute sich ängstlich um. Weit und breit war niemand zu sehen. Nur erntereife Weizenfelder unter blauem Himmel, der ausgefahrene Weg und die Leiche des Neufelder Bürgermeisters Georg Block.

Friedrich Kumlien wusste nicht, was er tun sollte. Nach Watertown, wohin er jetzt am späten Nachmittag noch wollte, um eine Wagenladung Weizen abzuliefern, waren es etwa zwei Meilen. Sollte er hinfahren und dem Sheriff Bescheid sagen oder war es besser, hier zu warten, bis jemand vorbeikam?

Das Pferd des Toten scharrte mit den Hufen. Friedrich Kumlien fand einen Futtersack unter der Sitzbank und hängte ihn dem Gaul um. Anschließend ging er zurück zu seinem Wagen, stieg auf den Bock und blickte auf dem meilenlangen, schnurgeraden Weg in beide Richtungen, in der Hoffnung, ein Fuhrwerk zu sehen. Es war Erntezeit und viele Bauern mussten mehrmals in der Woche nach Watertown, um ihr Getreide abzuliefern.

Nichts. Er setzte sich hin und trank einen Schluck Wasser. Die Hitze flimmerte über den Feldern, die Pferde schnauften. Der Wind wehte kräftig und verschaffte dennoch kaum Abkühlung.

»Ausgerechnet ich muss den finden«, murmelte der Bauer, der die ersten sechzig Jahre seines Lebens auf einem Gutshof in Pommern geschuftet hatte und nun hier bei seinem Sohn lebte. »Das konnte ja nicht gut gehen, der hat sich doch überall Feinde gemacht.« Er stieg wieder ab und lief unschlüssig zwischen der Leiche und seinem Wagen hin und her.

Endlich tauchte von Westen her ein Fuhrwerk auf. Friedrich Kumlien wartete zunächst, ging dann aber dem Wagen ein wenig entgegen. Heftig gestikulierend rief er, so laut er konnte: »Hier ist ein Toter!«

Der Mann auf dem Wagen, Anfang fünfzig, untersetzt, mit von der Hitze gerötetem Kopf, sah den aufgeregten alten Mann verständnislos an, brachte seine Pferde jedoch zum Stehen, als er ihn erreicht hatte.

Friedrich Kumlien kommandierte: »Steig ab, ich zeig dir, wo er liegt!«

Der Mann kam schnaufend mit zum Fundort. Er starrte auf den Leichnam. »Ist das nicht Georg Block?«

Der alte Bauer nickte. »Sieht ganz so aus.«

»Ich hole den Sheriff.« Dem Mann waren Schweißperlen auf die Stirn getreten. Er lief zurück zu seinem voll beladenen Fuhrwerk, kletterte auf den Bock und trieb die Pferde an.

»Beeil dich! Ich muss auch Weizen abliefern«, rief ihm Friedrich Kumlien hinterher. Er stieg ebenfalls wieder auf seinen Wagen und war froh, dass jemand vorbeigekommen war. Jetzt musste er nur noch warten, bis der Sheriff eintraf. Er machte es sich auf dem Bock so bequem wie möglich. Erschöpft von der ganzen Aufregung begann er nach einigen Minuten allmählich einzudösen.

 

Eine Weile später, die Sonne stand schon etwas tiefer, wurde er aus dem Schlaf gerissen. Jack Hunhoff rüttelte ihn leicht am Arm. »Herr Kumlien? Erinnern Sie sich an mich? Ich bin Sheriff Hunhoff.«

Friedrich Kumlien schreckte hoch. »Gut, dass Sie hier sind. Ich muss doch den Weizen nach Watertown bringen.«

»Keine Sorge, Sie werden noch rechtzeitig hinkommen.« Der Sheriff half dem alten Mann, mit dem er sich vor längerer Zeit einmal unterhalten hatte, vom Wagen. »Sie haben Herrn Block gefunden?«

»Ja, leider.«

»Haben Sie sonst jemand gesehen?«

»Nein, nur den Kerl, der hier vorbeikam und Sie benachrichtigt hat.«

»Und auf dem Weg hierher, ist Ihnen da irgendwer begegnet?«

»Hier nicht. Aber früher, so auf halbem Wege.«

»Jemand, den Sie kannten?«

»Ja, Pfarrer Seidel aus Neufeld.«

»Der schon wieder«, murmelte Jack Hunhoff.

»Was?« Der alte Bauer sah ihn verwirrt an.

Der Sheriff betrachtete die Leiche. »Ach nichts. Sie können jetzt Ihr Getreide abliefern fahren. Ich kümmere mich um alles. Vielen Dank, dass Sie hier gewartet haben.«

Friedrich Kumlien stieg sichtbar erleichtert auf seinen Wagen und winkte beim Wegfahren.

Jack Hunhoff sah ihm nach. Er zog ein Tuch aus der Hosentasche und wischte sich den Schweiß aus dem Gesicht. Georg Block ermordet. Das hatte ihm gerade noch gefehlt, so kurz vor der Wahl. Für Bill Schwarz, der auch Sheriff werden wollte, und dessen Schwiegervater, den Herausgeber der Zeitung in Watertown, würde es ein gefundenes Fressen sein, sollte er diesen Mord nicht schnell aufklären. Die hielten ihm ja jetzt schon bei jeder Gelegenheit vor, dass er den Mörder von Christian Kaufmann vor zwei Jahren nicht gestellt hatte. Falls ihm das nun erneut passierte, konnte er seine Wiederwahl vergessen.

Der Sheriff wippte nervös auf den Zehenspitzen. Er folgte dem starren Blick des Toten. War da nicht etwas im Weizen? Jack Hunhoff betrat das Feld erst zögerlich, beschleunigte dann aber seinen Schritt. Ja, dort lag eine Frau bäuchlings auf umgeknickten Halmen und war, dem vielen Blut zwischen den Schultern nach zu urteilen, von hinten erschossen worden. Der Sheriff kniete sich hin und drehte sie auf den Rücken.

»Auch das noch!«, flüsterte Jack Hunhoff. Er hatte die Frau sofort erkannt.

 

7. September 1883

»Ist das nicht der Sheriff, der da kommt?« Heinrich Brenner unterbrach seine Arbeit und blickte hinüber zu Hans Sievers, der zwei Armlängen neben ihm ebenfalls Teerpappe auf das Dach des neuen Stalls nagelte.

»Na, wenn schon, der will bestimmt zu Bob«, murmelte Hans und schlug den nächsten Nagel ein. Bob Hunhoff, der jüngere Bruder von Sheriff Jack Hunhoff, bewirtschaftete seit letztem Jahr das Land, das nördlich an das von Hans und östlich an das von Heinrich angrenzte.

Heinrich behielt den Sheriff im Auge. »Nein, ich glaube, der will zu euch. Sieht so aus, als ob er ein kleines Mädchen dabei hat.«

Hans blickte nun doch auf und während er sah, dass der Sheriff tatsächlich auf seine Hütte zuhielt, fragte Heinrich: »Ist das nicht Claras Tochter?«

»Ja, das ist Johanna!« Hans legte den Hammer aus der Hand und begann, eilig die Leiter hinunterzuklettern. »Da muss was passiert sein!«

Heinrich sah seinem Nachbarn nach, wie er über das abgeerntete Haferfeld lief. Die Hütte der Familie Sievers war ein gutes Stück weit weg und in dieser Hitze würde er nicht einmal zehn Schritte laufen wollen. Aber Hans war ja erst Anfang dreißig, da konnte er das wohl noch.

Heinrich trank einen Schluck Wasser und wandte sich seiner Arbeit zu. Der Stall musste fertig werden und die Ernte war auch einzubringen, bevor wieder etwas dazwischenkam, so wie der Präriebrand im letzten Jahr.

 

Hans erreichte sein Weizenfeld. Das Getreide stand so dicht, dass es besser war, um das Feld herumzulaufen als mitten hindurch. Völlig außer Atem eilte er am Feldrand entlang und ließ seine Hütte nicht aus den Augen. Er sah, wie Marie herauskam und der Sheriff mit Johanna vom Wagen stieg. Marie schlug die Hände vor den Mund.

Hans wurde schwindlig. Er blieb stehen, hockte sich kurz hin und rang nach Luft. Weiter! Er musste wissen, weshalb der Sheriff hier war und warum er Johanna bei sich hatte. War Clara etwas zugestoßen? Er hatte von Anfang an kein gutes Gefühl, als sie sich in Neufeld niederlassen wollte.

Hans erreichte endlich die Ecke des Feldes und konnte nun direkt auf seine Hütte zulaufen. Marie und der Sheriff waren inzwischen hineingegangen.

Auf den letzten Metern spürte er sein Herz bis in die Schläfen schlagen. Vor der Tür blieb er kurz stehen und holte tief Luft. Dann trat er ein. Marie sprang vom Stuhl auf und kam ihm weinend entgegen. »Clara ist tot«, schluchzte sie.

Hans nahm sie in den Arm. Er blickte den Sheriff an, der ebenfalls am Tisch gesessen hatte und nun zögerlich hinzutrat. Hans ließ seine Frau los und gab dem Sheriff die Hand. »Was ist passiert?«

»Lassen Sie uns draußen darüber sprechen«, sagte Jack Hunhoff und schob Hans behutsam zur Tür.

Hans warf einen Blick über die Schulter und sah die fünfjährige Johanna verstört am Tisch sitzen. Seine kaum ältere Tochter Emma versuchte, sie zu trösten.

Beim Hinausgehen fragte Hans seine Frau: »Wo sind Martin und Christian?«

»Ich habe sie vorhin mit den Eiern zu Friederike geschickt«, antwortete Marie mit tränenerstickter Stimme. »Sie müssten bald zurück sein.«

Jack und Hans traten vor die Tür. Der Sheriff schloss sie hinter sich.

»Was ist passiert?«, fragte Hans noch einmal.

»Clara Wolter wurde gestern Nachmittag erschossen. Kurz vor Watertown.«

»Erschossen?«

»Ja, zusammen mit Georg Block.«

Hans sah den Sheriff verständnislos an. »Was?«

»Glauben Sie mir, ich war genauso überrascht wie Sie.«

»Warum würde Clara denn mit Georg Block nach Watertown fahren?«

»Das weiß ich noch nicht. Der Wagen von Georg Block war jedenfalls leer und ich habe bei den beiden kein Geld gefunden.«

»Wegelagerer? In dieser Gegend?«

»Ich muss alle Möglichkeiten in Betracht ziehen.« Sehr überzeugt klang der Sheriff nicht. Er räusperte sich. »Sie sind der einzige Verwandte der kleinen Johanna hier in Amerika, nicht wahr?«

Hans bejahte.

»Können Sie die Kleine vorerst bei sich aufnehmen und die Angehörigen in der Heimat benachrichtigen?«

»Ja, natürlich, ich schreibe ihnen gleich heute. Johanna kann selbstverständlich bei uns bleiben.«

»Gut. Ich werde mich erkundigen, wie mit dem Eigentum von Frau Wolter zu verfahren ist. Ich vermute, dass es vom Gericht versteigert wird.«

Hans sagte leise: »Über Geldangelegenheiten kann ich jetzt beim besten Willen nicht nachdenken.«

Der Sheriff gab ihm zum Abschied die Hand. »Es tut mir sehr leid. Es würde mich aber nicht wundern, wenn Geld der Grund war, warum die beiden sterben mussten.«

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